artgerecht: Tragen

„So lernt das Kleine ja nie laufen!“ „Das kriegt doch gar keine Luft!“ „Wenn ihr es so verwöhnt, wird es euch auf der Nase herumtanzen!“ „So ein Baby braucht doch auch mal Ruhe!“ Wer sein Kind trägt, hört eine Menge Ammenmärchen über das Tragen. Fakt ist: Tragen ist das Beste, was ihr tun könnte. Es ist das, was Primaten-Mütter schon immer getan haben.

Artgerecht – Menschen sind keine Lieglinge, sondern Traglinge. Ihr gesamter Körper und ihre motorische Entwicklung sind aufs Getragenwerden ausgelegt.


Babys können das
Babys werden mit einem sehr runden Rücken geboren, der in einem Tragetuch gut aufgehoben ist. Neugeborene lassen sich noch „zusammenklappen“ –  angehockte Beine und hochgezogene Knie ähneln der Haltung im Mutterleib. Dieser Haltung entwachsen sie erst allmählich, das Tragen im Tuch hilft für einen sanften Übergang. Die M- Haltung der Beine nehmen Neugeborene übrigens automatisch ein, wenn man sie hochhebt! Ein Tuch hilft dem Baby außerdem, dem engen Mutterleib langsam zu entwachsen. Es gibt Halt und Geborgenheit.

Eltern können das
Eltern helfen ihren Babys beim Tragen: Sie regulieren Herzschlag und Atem, sie wärmen oder kühlen sie – alles, ohne es zu merken. Die Muskeln der Träger wachsen mit dem Gewicht des Kindes mit, wenn sie regelmäßig tragen.

Gut für die Babys
Die Liste ist schier endlos, hier nur einige Punkte:

– Tragebabys sind nah bei Mama (oder Papa oder Oma oder Tante oder…) und damit warm und sicher.
– Tragebabys genießen den Halt eines Tragetuchs, der ihnen Geborgenheit vermittelt.
– Tragebabys sind nicht „irgendwo da unten“ in einer Kiste auf Rädern, sondern mitten im Geschehen.
– Tragebabys können auf Augenhöhe Blickkontakt mit anderen Erwachsenen haben. Sie bekommen von Anfang an mit, wie Menschen kommunizieren, gehen, sich verhalten.
– Tragebabys können jedes Bedürfnis direkt mitteilen – windelfrei-Eltern merken z.B. beim Tragen am besten, wenn das Kind mal muss. Die Mutter merkt sofort, wenn das Kind schmatzt, den Kopf hin und her wendet und also stillen will – das Kind muss nicht aus dem Wagen heraus schreien, weil Mama beim Einkaufen die subtilen Hungerzeichen nicht mitbekommen hat.
– Tragebabys schulen ständig ihr Gleichgewichtsorgan und ihre Motorik, weil sie die Bewegungen des Trägers mitmachen und ausgleichen

Gut für die Eltern
Die Eltern haben die Hände frei! Sie haben eine weitere Möglichkeit, ein unruhiges Baby zu beruhigen, weniger Gepäck beim Reisen, eine sichere Bindung. Sie merken frühzeitig, was das Kind braucht und haben so seltener ein schreiendes Baby zu beruhigen. Getragene Kinder bauen beim Tragen den „Tagesstress“ besser ab, schlafen nachts ruhiger und weinen insgesamt weniger.

Das sagt die Wissenschaft

Tragen verringert zwar minimal den Sauerstoffgehalt im Blut des Babys – aber um so geringe Mengen, dass es nicht ins Gewicht fällt. Tragen reduziert das Schreien von Babys, sie sind ausgeglichener. Tragen wird bei Schreibabys ausdrücklich empfohlen. Es ist Teil der Therapien bei der emotionellen ersten Hilfe. Babys sind von Anfang an anatomisch auf das Getragenwerden ausgelegt und können daher vom ersten Tag ab getragen werden. Ihre unreife Hüfte kann auf diese Weise optimal nachreifen, während im Kinderwagen die Oberschenkelknochen gegen die Hüftpfanne drücken und die Reifung stören. Es gibt mittlerweile Ärzte, die empfehlen, ein Kind vor allem dann vermehrt im Tuch zu tragen, wenn es Probleme mit der Reifung der Hüftgelenke gibt.

Lesetipps:

Evelyn Kirkilionis, Ein Baby will getragen sein, die wichtigsten Infos daraus online hier

Herbert Renz-Polster: Tragen – Auswirkungen auf die Entwicklung

Studie zum Tragen: Wie beeinflusst Tragen das Schreien?

Studie: Tragen macht keine Haltungsschäden

Studie: Kinder kriegen im Tragetuch ausreichend Luft